AnnaJuliana: „Stehen Sie jeden Tag hier?“
Herr Zeitungsverkäufer: „Ja, eigentlich schon. Heute bin ich seit 15Uhr hier!“ (Es ist 20 Uhr.)
Hier geht es nicht um jemanden, der einen festen Job und damit ein festes Gehalt hat. Auch nicht um jemanden, der bei bitterer Kälte seine Finger an einem warmen Kaffee wärmen kann… Hier geht es um einen der vielen Obdachlosen, die Straßenzeitungen verkaufen. Und das jeden Tag.
Ich erinnere mich gut an den letzten Mittwoch. Ich wollte schnell noch etwas zum Abendessen kaufen und fuhr zu einem Supermarkt, der auf meinem Heimweg lag. Ich meckerte in meinem Kopf über das fürchterlich kalte Wetter, und dass es für Frauen nunmal keine Businessschuhe gibt, in denen man keine kalten Füße bekommt: Die beste Voraussetzung für Blasenentzündungen und Ähnliches eben!
Jedenfalls fiel mir beim Parken der Zeitungsverkäufer auf. Ich les die Straßenzeitungen unheimlich gerne. Dort stehen wirklich gute Berichte drin. Mein erster Gedanke war also, dass ich später bei ihm eine Zeitung kaufen würde. Dann bemerkte ich wie alle Leute an ihm vorbei gingen. Ignorant und herunterblickend. Als wenn er jemandem was andreht, als wenn er bettelt.
Wisst ihr, ich mache immer Unterschiede. Nachdem ich mal eine bettelnde Frau nach einer Spende bei H&M wiedersah, gebe ich grundsätzlich niemandem mehr was, der nur bettelt. Aber es gibt eben auch Menschen, die sich um ein paar Euros am Tag bemühen. Die es sich verdienen wollen. Wie eben Straßenkünstler, oder eben dieser Mann, der vor einem Supermarkt Zeitungen verkauft, oder es zumindest versucht. Und das unterstütze ich sehr gerne.
Ich stieg aus dem Auto und entschied mich spontan -auch für die paar Meter- meine Jacke anzuziehen. Im Gegenzug steht der arme Mann dort in der Kälte und hält die ganze Zeit Zeitungen hoch. Ich bibber bei 10 Metern bis zum Supermarkt. „Der arme Kerl!“ sprach mein Gehirn mit mir.
Als ich an ihm vorbeiging nahm ich meinen Mut zusammen…
„Ich geh kurz rein was einkaufen. Wollen sie auch was? Ich komme dann später und kaufe von Ihnen eine Zeitung.“ – „Danke… Machen sie sich wegen mir keine Umstände.“ – „Auch keinen warmen Kaffee?“ – „Oh doch, ein Kaffee wäre toll!“
Also kaufte ich meine paar Sachen und eine Tafel Schokolade für den Mann. Jeder mag Schokolade!
Ich brachte die Sachen zum Auto, kaufte eine Zeitung und nahm den Mann mit in ein Café nebenan.
„Hier war ich noch nie drin. Meine Freunde wurden hier rausgeschmissen, bevor sie überhaupt reinkamen…“
Er erzählte mir von Vorurteilen, von dem Leben auf der Straße und von seinem Alltag vor dem Supermarkt.
„Viel verkaufe ich nicht. Manche spenden was. Aber die meisten gehen vorbei!“
Als ich die Tür zum Kaffee öffnete starrten die Bedienungen uns an. Ich mit meinem Anzug und der Obdachlose neben mir. Ich übernahm das Sprechen, da die gute Frau hinterm Tresen anscheinend nichts mehr sagen konnte.
„Der Mann hier kriegt nen Kaffee zum Mitnehmen bitte!“
Ich musste etwas grinsen, als sie ihm alle Kaffeesorten aufzählte und er mit „Bitte nur einen einfachen Kaffee“ antwortete. Sie sortierte sich selbst und stellte uns ein paar gebrannte Mandeln hin.
„Bedienen Sie sich!“
„Oh nein, danke!“
„Das ist im Preis mit drin!“ lächelte die Bedienung dem Verkäufer zu
„Ok, na dann!“
Mittlerweile war auch das Eis der Bedienung gebrochen. Er aß seine Mandeln, bekam seinen Kaffee und die Tafel Schokolade. Als Gegenzug bekam ich seine Geschichten. Ein guter Moment für beide, denke ich.
Zum Abschied winkte er mir und meinem Auto Lulla noch hinterher. Danach wärmte er seine Finger am Kaffee. Wenn ich das nächste Mal dort einkaufe, wird er sicherlich auch da sein. Denn er steht dort jeden Tag, egal ob bei Regen, Schnee, oder Sturm. Jeden Tag!
Ich wünsche ihm, dass es einige mehr Menschen gibt, die nicht einfach so vorbei gehen. Auch wenn man keine Zeitung haben will: Ein „Danke, ich bin nicht interessiert!“ mit einem Lächeln gibt dem Mann ein schöneres Gefühl als der Blick auf den Boden, als Ignoranz, und als ein Herabblicken. Ich hab ein wenig Geld investiert für 5 Minuten warme Finger. Für ein Lächeln. Für einen Blick in eine andere, mir unbekannte Welt. Eine Welt, die ich euch hier auch bekannt mache.
Und zum Abschluss gibt es noch ein so treffendes Zitat von dem lieben Mann.
„Das hier ist die Wahrheit! Viele verstehen sie noch nicht, aber es ist so!“
Eure AnnaJuliana


































